Liebe auf den ersten Blick

Ursula Rode an ihrem Arbeitsplatz. FOTO: Valeria Biondo
GM: Liebe Ursula, das Kinderhaus Christianenanstalt ist die älteste Kita im Saarland, mitten in der Stadt, in einem denkmalgeschützten Gebäude. Was ist das Besondere an dieser Kita?
Ursula Rode: Es sind v.a. zwei Aspekte: Zum einen sind wir eine Einrichtung, die mit ihren Kindern die Pluralität unserer Gesellschaft abbildet. Wir sind eine evangelische Einrichtung, die auch Kindern anderer Religionen und Konfessionen offensteht. Wir feiern unsere christlichen Feste, erklären den Kindern unseren Glauben und interessieren uns für den Glauben anderer Religionen. Auch haben wir feste christliche Rituale wie das Beten bzw. Singen vor dem Essen. Das ist unser Selbstverständnis: Alle sind eingeladen, niemand wird ausgegrenzt. Alle Kinder haben das Recht auf Religionsbildung, ihre Fragen zu Gott und die Welt zu stellen und mit den Erwachsenen nach Antworten zu suchen oder Möglichkeiten zu philosophieren. Wir leben das im Alltag. Bereits im Eingangsbereich der Kita wird das ersichtlich. In unserem „Religionsfenster“ werden verschiedene Religionen vorgestellt. Damit sich alle bei uns zu Hause fühlen können, darf dieses Fenster von den Eltern mitgestaltet werden.
Zum anderen bietet uns die Lage direkt in der Stadt die Möglichkeit, z.B. den Markt, Museen und vor allem die Spielplätze am Staden fußläufig zu nutzen. Das ist sehr schön, denn unser eigenes Außengelände ist nicht so groß. Das bietet den Kindern Abwechslung. Außerdem haben wir einen festen Waldtag, an dem wir mit dem Bus in den Stadtwald fahren. Das macht allen großen Spaß und die Kinder erleben die Schöpfung hautnah.
GM: Du hast die Christianenanstalt 19 Jahre lang geleitet. Was hat sich an der Arbeit verändert?
Ursula Rode: Heute wird der Kinderschutz und werden die Kinderrechte weit mehr geachtet und das ist gut und richtig. Der Anspruch an die Arbeit als Erzieherinnen und Erzieher ist deutlich gestiegen. Die Qualität der Arbeit wird geprüft, dafür gibt es hohe Standards. Oftmals sind die gesetzlichen Vorgaben wenig kompatibel mit den pädagogischen Qualitätsansprüchen einer Kita. Die Ansprüche an die Ausbildung und das Niveau der Ausbildung sind besser geworden, gestiegen. Allerdings sehe ich auch einen Mangel in der heutigen Ausbildung: Sie bereitet nicht immer gut auf die Realität in den Kitas vor. Außerdem ist der Fachkräftemangel ein echtes Problem. Wir erleben, dass es großen Bedarf an gut geschultem Fachpersonal gibt, auch weil es immer mehr Kinder mit besonderem Betreuungsbedarf in den Kitas gibt. Diesen Kindern gerecht zu werden, ihnen die nötige Begleitung und Unterstützung für eine gute Entwicklung zu bieten, ist eine wichtige Aufgabe und erfordert angepasste Rahmenbedingungen.
GM: In der Kita Christianenanstalt hat es immer wieder Baumaßnahmen gegeben. Die modernen Anforderungen an den Brandschutz z.B. mussten in dem denkmalgeschützten Gebäude umgesetzt werden, damit eine 3,5 gruppige Einrichtung mit Krippenkindern und besonderem Konzept realisiert werden kann. Wie war der Weg dorthin?
Ursula Rode: Als im Jahr 2008 der Ausbau der Krippenplätze ein wichtiges Thema war, weil diese Plätze dringend gesucht wurden, haben die Kirchengemeinde St. Johann und die öffentliche Hand Geld in die Generalsanierung der Christianenanstalt investiert. Alterserweiterte Gruppen, also Kinder unter drei Jahren und über drei Jahren gemischt, waren bis dato im Saarland noch selten. Die Christianenanstalt gehörte zu den ersten Einrichtungen, die dieses Konzept bereits unter meiner Vorgängerin umsetzte. Meine Überlegung, weitere 5 Krippenplätze einzurichten und diese quasi halbe Gruppe in das offene System zu integrieren, war eine neue Idee, die zunächst vom damaligen Verantwortungsträger des Landesjugendamtes kritisch betrachtet wurde. Nach einer kurzen Bedenkzeit gab er dann aber seine Zustimmung. Wir haben seitdem die Betriebserlaubnis für 61 Kinder, davon 15 Krippenkinder, die insgesamt in 3,5 Stammgruppen betreut werden.
GM: Was ist dein Wunsch für die Kita Christianenanstalt und allgemein für die Arbeit im pädagogischen Bereich?
Ursula Rode: Ich wünsche mir, dass das Kinderhaus Christianenanstalt noch lange Bestand hat und es auch weiterhin evangelische Kitas gibt, denn ich bin tief verwurzelt in der Kirche, die mir in der Gemeinschaft immer Kraft gegeben hat. Mit den Kindern die Spuren Gottes zu erkunden und pädagogischen Fachkräften Mut zu machen, sich mit diesem spannenden Thema zu beschäftigen, ist mir eine Herzensangelegenheit. Religionspädagogik für Kitas werde ich deshalb auch in meinem Ruhestand weiter anbieten. Darauf freue ich mich!
GM: Liebe Ursula, wir wünschen dir alles erdenklich Gute und Gottes Segen für deine Zeit im Ruhestand. Vielen Dank für dieses Gespräch.
Das Gespräch mit Ursula Rode führten Angelika Mueller- von Brochowski und Silke Portheine.
Veröffentlicht im Magazin „Evangelisch St. Johann“ der Ev. Gemeinde St. Johann, Saarbrücken, 01.03.2025